Der romantische Schöngeist unter den Vertretern der experimentellen elektronischen Musik bleibt sich treu. Gemeinsam mit Intimus Robert Fripp entwirft Brian Eno auf "Nerve Net" wieder ein fein gesponnenes Geflecht aus naiv-simplen Minimal-Melodien und perkussiv akzentuierten Synthesizer- Wolken, die sich nach dem Willen des britischen Paradiesvogels zu "Landschaften zum Zuhören" zusammenfügen sollen. Auch wenn der weltumfassende Anspruch etwas überzogen scheint, besticht Enos "Netzwerk" doch durch atmosphärisch dichte, suggestive Klangbilder, in deren raffiniert einfacher Struktur sich immer neue Überrasungen verbergen. Weit entfernt von blauäugiger New-Age-Esoterik inszeniert der kybernetisch geschulte Multi-Instrumentalist in seinen Tonwelten einen Querschnitt durch die Fülle der unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen: Die feinsinnigen Anspielungen auf zeitgenössische E- und U-Musik reichen von repetitiven Minimal-Phasen über experimentelle Noise-Gitarren und Ethno- Drums auf dem fulminianten "Wire Shock", die ironische Swingtravestie "Pierre In Mist" und den koketten Slow-Motion-Rap "Ali Click" bis hin zu der beinahe klassischen Klavier-Elegie "Decentre". Dabei verliert "Nerve Net" nie seine spezifische, spirituelle Eigenatmosphäre - eine Meditationsvorlage für Fortgeschrittene.