Artist: Harmonia (Musiker, Roedelius & Moebius)
P: 1974 / 1992
1973 beschließen Musiker von zwei der besten und experimentellsten deutschen Bands der 70er Jahre, Neu! (Michael Rother) und Cluster (Dieter Moebius und Hans Joachim Roedelius), zu fusionieren, was aber noch nichts heißen muss. Auch hier wieder geleitet und aufgenommen vom Producer beider Bands, Conny Plank. Und besser könnte ich mir sowas nicht vorstellen, anstat wie bei Neu! einen Schlagzeuger mit im Boot zu haben, erledigt hier alles die gute alte analoge Rythmusmaschine, die einen unverkennbaren warmen ratternden Sound produziert. Anders als bei Cluster wo die besagte Rythmusmaschine eine bis dahin untergeordnete Rolle spielte, ist sie hier selbst auf den langsameren, medidativeren Nummern vertreten und bildet so die Grundlage der automatisierten Improvisationen.
Aber wie hört sich die Musik denn nun eigentlich an? Die beiden "Mutterbands" haben ja einen grundverschiedenen Sound sind aber gleichwohl Ikonen der experimental Musik und haben auch jeweils ihren eigenen Einfluss auf die Musikwelt gehabt. Cluster hört man vor allem an den benutzten Instrumenten wie Pianos, Keyboards, Orgeln und den Soundspilereien mit dem unkonventionellen Aparaten, Effekten und Genaratoren heraus. Auch der für Neu! so wichtige repetitive, minimalistische Rythmus ist fast bei jedem Track vorhanden. Michael Rother spielt wie schon bei Neu! seine unverkennbar leichte Gitarre aber auch Orgel und Keyboard. Um nicht länger um den heißen Brei zu reden, die Musik ist wunderbar, kurios und schräg, nimmt zudem die leichtgängige Atmosphäre der Nachfolgenden Cluster Alben wie Zuckerzeit und dem grandiosen Sowieso vorweg und hatte auch einen ebenso großen Einfluss wie die Hauptbands.
Roedlius schöne, perlende Pastoral-Klänge geben dem Ganzen die leicht süßliche melodiösitat. Moubius steuert seine verückt schrägen Ideen und Klangfetzten bei, die hier schleifenartig wiederholt werden. Und Rother allgemein ist hier sicherlich sehr wichtig, er ist sozusagen für die Liedform verantwortlich, der Track Dino klingt dann auch sehr nach Neu!, Hallogallo, nur eben elektronisch. Auch die Tatsache das das Album so melodisch und eingängig ist, ist sicherlich auch ein verdienst Rothers. Diese ganzen unterschiedlichen Eigenschaften tragen dazu bei, dass dieses sehr geniale Harmonia Album, einen so unverwechselbaren Charakter hat.
Der erste Track, Watussi, hat was von Insekten und ist auch gleich ein toller Einstieg mit hohem Wiedererkennungswert. Dort rattert die Rythmusmaschine, während zwei Melodielinien, eine fiepsige und eine tifere 1 Ton Melodie dagegen hält. Dazu gesellen sich warme, mal Gitarrenmelodien, mal eher Feedbackteppiche, dazu noch alles untermahlt mit einer art Hintergrunddröhnen (Rückwertsgitarre?). Sehr komplex eigentlich, was aber erst auffällt wenn man versucht das Ganze zu beschreiben, dabei bleibt alles immer repetitiv. Die Nummer zwei heißt sehr kosmisch und deutet schon ironisch auf den Inhalt des Liedes hin. Langsam baut sich aus einer Klangwolke und dem leichten und langsamen Rythmus, ein mit Pianotupfern umgarntes, ambienthaftes Stück auf, das dann irgendwann an Geschwindigkeit gewinnt und etwas verückter wird. Sonnenschein ist eher wie die erste Nummer, also ein kurzer minimalistischer Track, mit einer Kuriosen Melodie, die sich schon sehr befremdlich und psychedelisch macht, auch gallopiert der Rythmus recht stark, fast marschmusikartig drauf los, hier ist die gephaste Gitarre und eigentlich alles ein Highlight. Dino hab ich schon oben angesprochen, es ist eine von der Gitarre getragenes Stück, das aber mit insgesamt genialen, Keyboard und Orgel Bearbeitungen glänzt und von freien Wabersounds untermahlt ist. Ohrwurm erinnert ziemlich an die krasseren Sachen von Cluster und der Vorgängerband Kluster, also recht nerfig und lärmiges Geziehe, die Nummer ist übrigens bei einem Liveauftritt entstanden. Ahoi! ist wie ich finde wunderschön, ein wärmendes, sehr zartes Pianolied das zum Schluss ein bisschen schräger wird und dann mit kuriosen Sounds in allen möglichen Farben schillert. Veterano ist eine minimalistische Elektronummer die auch vom 2. oder 3. Kraftwerkalbum sein könnte wenn sie nicht so heimelig und warm klingen würde. Hausmusik ist dann eher wieder richtung Ahoi!, also eine von Piano und Klaviertönen erzäugtes Stück, auch wieder mit diesen tollen fließenden Soundtepichen begleitet, das das Album sanft und etwas traurig und melankolisch aus dem Album herausbegleitet, ein toller Schluss.
Diese Platte ist kurios, charmant, etwas verdrogt, humorvoll, avantgardistisch, einfallsreich, einzigartig in seiner Mischung, minimalistisch und nicht zuletzt eine der großen Werke des ernstzunehmenderen Krautrock und eine sehr wichtige Station in der Elektronischen bzw. Elektoakustischen Musik. Für Freunde von Neu!, Cluster oder auch Can, Faust oder den frühen Kraftwerk ein eigentliches muss. Aber auch für Neueinsteiger und aufgeschlossene Ohren ein tolles Hörerlebnis.