Artist: Hans Joachim Roedelius & Lloyd Cole
Trackliste:
1 Pastoral
2 Selbsportrait-Reich
3 Wandelbar
4 Still Life with Kannyu
5 TangoLargo
6 Orschel
7 HIQS
8 Fehmarn F/O
9 Virginie L
10 Lullerby
Dies ist die Vinyl-LP Version, der auch die CD beigelegt ist.
Wie seltsam, dass diese Zusammenarbeit erst so spät, und wie schön, dass sie überhaupt zustande kam. Lloyd Cole, dieser erfindungsreiche britische Singer-Songwriter, und Hans-Joachim Roedelius, ein Erzvater der deutschen elektronischen Musik, trafen sich nicht etwa im Studio, sondern wählten die zeitgemäße Art des Materialaustauschs, indem sie sich gegenseitig Files zur Komplettierung zuschickten. Wie kam es zu dieser Kollaboration? 2001 brachte Lloyd Cole das für ihn äußerst ungewöhnliche instrumentale Elektronikalbum „Plastic Wood“ heraus. Dass zu seinen ewigen Lieblingsalben Clusters „Sowiesoso“ (1976) gehört, ist auf „Plastic Wood“ mehr als deutlich zu hören. Ein Freund Coles, der auch mit Roedelius bekannt war, schickte diesem Coles Album. Es gefiel Roedelius so gut, dass er umgehend das ganze Album remixte, genauer gesagt, den fertigen Tracks Overdubs hinzufügte – ohne Auftrag und ohne Erlaubnis. Das Ergebnis schickte er Cole. Cole war geschmeichelt, und ihm gefielen Roedelius’ „Remixe“ ausnehmend gut. Doch „Plastic Wood“ war bereits erschienen und in Coles Augen auch abgeschlossen, sodass Roedelius’ Material in der Schublade verschwand. Doch auf beiden Seiten war das Interesse an einer Zusammenarbeit geweckt, und es gab
auch sporadisch immer wieder (schriftlichen) Kontakt. Gut zehn Jahre später trafen sich die beiden dann endlich persönlich während einer Lloyd-Cole-Tour in Wien, und so kam der Stein ins Rollen. Die nun veröffentlichten ersten Resultate nannten sie bescheiden „Selected Studies Vol. 1“. Streng genommen sind „Studien“ eher Entwürfe oder unfertige Erforschungen kompositorischer und klanglicher Möglichkeiten. Auf diesem Album hören wir aber eine ausgereifte, sorgfältig komponierte Musik, die so klingt, als würden Cole und
Roedelius bereits seit Jahren zusammenarbeiten. Es sind kurze Stücke, die ohne musikalische Geschwätzigkeit sofort zur Sache kommen. Beide Künstler haben das Schwergewicht auf elektronische Klangerzeuger gelegt. Cole verzichtete völlig auf Gitarre und Gesang, und Roedelius greift nur selten in die Tasten seines Flügels. Stattdessen entwickeln beide Musiker eine subtile Klangwelt, die nur in einem Stück („Wandelbar“) ins rein Geräuschhafte zu driften scheint. Alle anderen „Studien“ des Albums bewegen sich in einem teilweise extrem weit gespannten Rahmen harmonischer Wunderlichkeiten
und rhythmischer Stolpersteine. So paradox es auch scheinen mag, „Selected Studies Vol. 1“ erinnert an die Musik von Claude Debussy, wenn ihm nur vor 120 Jahren schon elektronische Klangerzeuger zur Verfügung gestanden hätten. Hochimpressionistische
Bilder ziehen am Hörer vorbei, luftig, transparent und zeitentrückt, jedes für sich das Fenster zu einer hellen und trotzdem geheimnisvollen Welt. Fern von Kitsch, Ambient oder Wohlfühlmusik, sind „Selected Studies Vol. 1“ aber auch ernsthafter künstlerischer Ausdruck zweier Musiker/Komponisten, dem man nur durch aufmerksames
Hinhören gerecht werden kann. Nur so erschließt sich die Schönheit und Tiefe der Musik.
Cole und Roedelius wollen der schnöden realen Welt phantasievolle Klanglandschaften entgegensetzen, in denen man sich bewegen kann wie in einem freundlichen Labyrinth, in dem man zwar ständig überrascht wird, aber jederzeit entkommen kann, ohne Angst haben zu müssen, sich wirklich zu verirren.