Artist: Michael Brückner
P: 2019
Das 50. Jubiläum der Mondlandung der Apollo-11-Mission im Juli dieses Jahres nahm das kalifornische Label Aural Films zum Anlass, mal wieder den Einfluss von Raumfahrt, Astronomie und Science Fiction auf die elektronische Musik aufzuzeigen, und rief die bislang dreiteilige "Astronauts"-Reihe ins Leben. Teil 1 stammte von Christian Fiesel, Teil 3 vom Niederländer Phrozenlight, der hier vorliegende zweite Teil aber von keinem geringeren als Michael Brückner. Zum Konzept dieser Veröffentlichungen gehört es offenbar, einen Querschnitt des bisherigen Schaffens der jeweiligen Musiker darzustellen, und der Umfang fällt unterschiedlich aus: Fiesel begnügt sich noch mit einer CD, während Phrozenlight schon auf ein Doppelalbum gekommen ist. Brückner aber setzt da noch mal einen drauf und packt knappe drei Stunden Musik auf drei CDs - ein gutes Argument dafür gibt es aber freilich: Mit "Zodiak" ist schließlich auch noch ein komplett neues Album enthalten, das die Rückschau auf 25 Jahre Brückner-Musik abrundet und zusammenfasst.
Dass das älteste Stück auf "Astronauts 2" von 1994 datiert, dürfte somit wohl den Untertitel dieser Zusammenstellung erklären, auch wenn Brückners erste Aufnahmen sogar noch aus dem Vorjahr stammen. Interessant ist wohl noch, dass Brückner selber mit der Aufteilung seiner Nummern auf die ersten beiden CDs eine Art Selbsteinschätzung vorgenommen hat. Schließlich sind, wie in den Liner-Notes zu lesen, die Aufnahmen ja tatsächlich schon so alt, veröffentlicht hat sie der (heutige) Mainzer aber erst ab ca. 2007. Insofern ist das, was auf der ersten CD zu hören ist, quasi die vor-offizielle Zeit, und erst bei den Beispielen auf CD 2 kann es eine Art Rückkopplung zu einem breiteren Publikum gegeben haben... aus der dann schließlich eben sowas wie "Zodiak" hervorgegangen ist. Alleine in dieser Hinsicht demonstriert "Astronauts 2" also schon die Brückner'sche Entwicklung, und zwar in einem guten Umfang.
Die Musik selber überrascht dann auch ein wenig, oder nicht. Denn natürlich können für so eine Compilation auch immer die zugänglichsten Stücke ausgesucht werden, und in dieser Hinsicht ist es vielleicht verständlich, dass der auf einer ganze Menge Alben (z.B. der "Mousic"/"Drones"/"Movies Moving In My Head"-Phase) zu hörende Hardcore-Ambient außen vor gelassen wurde und insbesondere auf CD 1 ziemlich melodische, mehrheitsfähige Sequencer-Elektronik zu hören ist. Diesbezügliche Höhepunkte markieren sicherlich einige sehr nach Jean Michel Jarre klingende Nummern wie z.B. "Centauri Bound" (sehr nah an "Équinoxe Part 3" dran), "L'Etoile Inconnue" (hätte man anhand des französischen Titels vielleicht schon ahnen können) oder "Escape To The Outer Moons". Und auch nicht ganz so poppige Nummern sind immer noch sehr tonal ausgefallen, so etwa das Philip-Glass-artige "Leaving Ground". Gegen Ende von CD 1 gibt's diesbezüglich sogar noch einige echte Trance-Techno-, Dancefloor- oder Drum-'N-Bass-Rhythmen zu hören ("A Space Prophecy", "I Encountered", "Challenge") - so nah an der Love Parade hätte Michael Brückner wahrscheinlich kaum jemand vermutet.
Mit solchen Verkürzungen wird man der Musik allerdings natürlich nicht ansatzweise gerecht, und es sollte zumindest erwähnt werden, dass Brückner aus diesen Stilen und Rhythmen sehr viel Gutes herausholt. Gerade "Challenge" bringt die Rhythmik ziemlich gut mit den bekannten gläsernen Ambient-Sounds zusammen, entwickelt die Musik mal mehr oder weniger stark in die eine, mal in die andere Richtung, und mit einem solchen programmatischen Ablauf ist wirklich schon sehr viel gewonnen. Zu beobachten wäre ansonsten auf CD 2, dass diese Tendenz dann auch schon wieder nach und nach verschwindet - alleine in "Flicker" gibts noch einen latent technoiden Rhythmus, ansonsten dominieren hier eher schreitende bis stampfende Tempi, die aber zumeist bedächtig im Hintergrund gehalten werden. Hier dürfte dann letztlich auch das zustande gekommen sein, wofür Brückner heute bekannt ist: Für feine Spannungen, zumeist aus einem wohlkalkulierten Minimalismus erwachsen, die von langsamen Entwicklungen weitergesponnen, aber keinesfalls zerrissen werden. Quasi als Embleme dieser Charakteristik dürfen wohl "S Is For Space" und "100 Million Miles Under The Stars" gesehen werden.
Und an diese Merkmale knüpft dann eben auch "Zodiak" an: Rhythmik ist in den zehn Teilen eher unterschwellig vorhanden und besteht in den konkretesten Fällen ("Part 5", "Part 8") aus recht nervösen Samples, die sich ihrerseits dann aber jeweils an Sequenzen und Ostinato-Motiven orientieren. Besagte Spannung ist daggen fast überall zu finden, die besten Beispiele für sowas liefern aber der zwingend-druckvolle, zugleich sehr hintergründige Aufbau von "Part 9" und die immer wieder für Schub sorgenden Streicherakkorde in "Part 8". Daneben allerdings fällt auf, dass sich "Zodiak" in einer Hinsicht dann doch von der Rückschau auf den ersten beiden CDs absetzt: Natürlich sind die Sounds hier moderner, spröder und weniger harmonisch als dort. Verglichen mit dem übrigen Œuvre von Brückner überrascht das zwar weniger, macht andererseits aber eben auch deutlich, dass der wie erwähnt der in jüngerer Zeit sonst übliche Ambient auf "Astronauts 2" eben ein wenig an den Rand gedrängt wurde.
Eine kleine Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart klafft auf "Astronauts 2" somit also. Der reine Rückblick auf den ersten beiden CDs dagegen ist unterm Strich trotz einiger etwas lauer Momente (die erwähnten Jarre-Ähnlichkeiten) nicht weniger als beeindruckend, demonstriert Brückner hier doch die ebenso souveräne wie lockere Beherrschung von einer ganzen Menge Spielarten der elektronischen Musik. Zu loben ist dabei außerdem noch, dass auch die Mischung stimmt und die Abfolge der Stücke stets auch die Unterschiede betont. Unterm Strich sollte sich der betriebene Aufwand also auszahlen: Für Michael Brückner, der hier einen wirklich beachtlichen Querschnitt seines Schaffens zur Schau stellt, und für den Hörer, der sich hier mit eben diesem Schaffen trotz dreistündiger Spieldauer in ziemlich kompakter und zugänglicher, kurz: übersichtlicher Form vertraut machen kann. Und selbst, falls der Hörer schon mit diesem Schaffen vertraut sein sollte, dürfte es auf "Astronauts 2" noch einiges zu entdecken geben, werden doch einige Aspekte auf diese Weise noch mal herausgestellt. Was wiederum so oder so für Brückners Vielseitigkeit spricht.
Gunnar Claußen
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