Artist: Frank Makowski
P: 2019
Makowski widmet dieses Album den Tausenden von Sonnen- und Mondfinsternissen in den vergangenen und zukünftigen tausend Jahren. Durch das Spielen von Ambient, Dark Ambient und leicht orchestraler Musik repräsentiert diese das perfekte Gefühl, eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Der "Kanon der Finsternisse" von Theodor Ritter von Oppolzer ist eines der großen Werke der modernen Astronomie. Es kompiliert ca. 8000 Sonnen- und mehr als 5000 Mondfinsternisse zwischen 1207 v. Chr. Und 2161 n. Chr. Oppolzer stellte sein Werk 1885 der Öffentlichkeit vor. Tragischerweise war er nach der offiziellen Veröffentlichung an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien im Jahr 1887 nicht mehr unter den Lebenden. Der erst 45-jährige starb 1886.
Auch wenn man bei dem Titel erst einmal an irgendeine düstere Horrorgeschichte denken wird, wurde das Album vom 1887 erschienenen, gleichbetitelten astronomischen Buch des Theodor Egon Ritter von Oppolzer inspiriert. Das Werk beinhaltet Berechnungen zu 8000 Sonnen- und Mondfinsternissen, inklusive graphischer Übersichten, die zwischen 1207 v. Chr. und 2162 n. Chr. stattfanden bzw. stattfinden werden, und stellt immer noch eine Art Standardwerk der Astronomie dar. Die CD kommt in einem hochformatigen, eine Graphik aus dem Buch zierenden Pappschuber, in dem neben dem Silberling drei postkartengroße Drucke stecken, die die Titelseite und weitere Bildwerke aus Oppolzers Werk zeigen, und auf deren Rückseite Informationen zu "Canon der Finsternisse", Oppolzer und Album zu finden sind. Sehr schön!
Die Musik gleitet der Thematik entsprechend sehr kosmisch und schwebend durch die Gehörgänge, ambientartig, aber auch retroelektronisch, ohne allerdings in typische Berliner Klangwelten zu verfallen. Eher frei und formlos wogen die Tonvermengungen hier delikat bis kerniger hallend voran, das Spiel der Himmelsmechanik, die endlose Weite des Raums und die Leere des Kosmos in Ton setzend. Neben diversen elektronischen Tonquellen ist auch ein Piano, oder eine sehr gute Imitation eines solchen, klangbestimmend. Dazu kommen immer wieder (vor allem in den drei Canon-Nummern) dezent hallende Chorstimmen. Ich vermute, letztere sind Tonkonserven, oder wurden sehr authentisch digital kreiert. Trotzdem erzeugen diese zusammen mit der Elektronik eine sehr dichte, hypnotisch-mysteriöse Atmosphäre.
Allerlei weiterer prozessierter Klang, einsam Pianolinien (die im kurzen "Streulicht" sogar solistisch zu hören sind), verfremdete Stimmeinlagen, sogar verschiedene Schlagzeugmuster (die wiederum extrem echt klingen), tauchen in der Musik auf, eingebettet in voluminöses Hallen, Schallen, Wogen, Zirpen, Scharren und Plingen, und erzeugen einen hypnotischen, wenn auch sehr ätherisch dahin schwebenden, alles in allem erstaunlich abwechslungsreichen Kopffilm. Fast könnte man diese Musik in die moderne Klassik packen (Post-Klassik?), und in der Tat hat jemand wie Joep Franssens mit "Dwaallicht" durchaus ähnliche Musik kreiert, wenn auch unter zusätzlicher Verwendung eines Streichorchesters.
"Canon der Finsternisse" bietet eine zeitlose, eher ruhig und formlos voran gleitende, dicht verwobene, sich subtil und tief in die Gehörgänge grabende, progressiv-elektronisch-intensive Musik, die ihre Wurzeln in der krautigen Elektronik der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts hat, wohl auch etwas Minimalmusic à la Riley aufgesogen, sich dann aber zu einem ganz eigenständigen, neuen Klanggemenge entwickelt hat. Vergleiche könnte man zu den rezenteren Werke von Atomine Elektrine (Peter Andersson) ziehen, der auf ähnlich eigenständige Art und Weise das All in Ton setzt, aber ohne Piano und Chorstimmen auskommt.
Wer zeitgenössische Elektronik schätzt, der sollte nicht ohne dieses Album sein. Beeindruckend!
Achim Breiling
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